Der erste Anfang ist schnell gemacht.

Seit zwei Jahren verkünde ich fröhlich unter meinen Freunden und im Internet, dass ich nun ein Buch schreibe. Seit zwei Jahren ist nicht viel passiert. Es gibt mehrere Anfänge zu einem möglichen Buch. Es gibt mehrere Ideen zu einem möglichen Buch. Es gibt ehrlich gemeinte Ermunterungen zu einem möglichen Buch. Es gibt sogar richtig gute Meinungen zu den bereits geschriebenen Zeilen dieses möglichen Buches. Es gibt nur immer noch kein Buch!

 

Das liegt möglicherweise am (möglichen) Thema: Prokrastination und das Impostor-Syndrom. Mit beiden kenne ich mich sehr gut aus. Wir sind schon lange zusammen. Früher hätte ich einfach gesagt, dass ich faul bin und ich nichts Besonderes kann. Ich kann noch nicht mal irgendetwas besonders gut. Das denke ich zumindest. Davon kann ich mich sogar überzeugen. Ich habe sogar Beweise dafür, dass ich vorgebe Dinge zu können. Der Titel meiner "Facharbeit" am Ende der "Ausbildung" zum Systemischen Familien-Sozialtherapeuten hieß: "Der eingebildete Therapeut". Das sagt im Grunde alles. Die sogenannte Facharbeit bestand aus 25 Seiten, die größtenteils mit Bildern, Zitaten und Absätzen gefüllt war. Ein echtes Thema gab es nicht. Das habe ich aber geschickt getarnt. Die Ausbildung selber war zwar sehr gut, durchfallen konnte man aber nicht wirklich. Es gab auch keine Prüfung. Das Institut war daran interessiert, dass alle Teilnehmer ein (vom Institut selber erstelltes) Zertifikat bekamen. warum? Weil die Ausbildung von der Agentur für Arbeit gefördert und vollständig bezahlt wurde. 

 

Aber wen interessiert das schon? Hier geht es darum, dass ich schreiben möchte. Ein Buch. Da ich nicht glaube, dass es irgendjemanden interessieren wird und ich auch nicht glaube, dass es jemals fertig wird, sollen die schon geschriebenen Zeilen wenigstens auf diesem Wege veröffentlicht werden. Liest ja eh niemand...

 

Hier also ein erster Anfang von einem möglichen Buch über das Impostor-Syndrom, Prokrastination und die Infragestellung des Coachinggewerbes:

 

Vorgeschichten oder der Versuch endlich mal anzufangen

 

Der erste Satz einer Geschichte ist so wichtig. Er beinhaltet quasi schon den gesamten Plot. Wenn der nicht sitzt, dann war’s das. Dann liest keiner weiter. Hat ja schon mal nicht geklappt bei mir. Egal. Ich mache es einfach:

 

Erster Satz:

Als ich eines Morgens aus sehr unruhigen Träumen erwachte, fand ich mich zu einem meiner Einschätzung nach recht guten Therapeuten verwandelt. Noch bevor ich die Augen an diesem sonnigen Novembermorgen aufschlug, bemerkte ich, dass etwas anders war als am Abend zuvor. Ich wusste noch nicht genau was aber ich würde es herausfinden. 

 

Das waren schon drei Sätze. So geht es mir ständig. Ich nehme mir etwas vor, bekomme weitere Ideen und verzettle mich dann gnadenlos. Ausserdem war der erste Satz von Kafka gestohlen und überhaupt war es gar nicht der erste Satz sondern der achte. 

 

 

Eine mögliche Vorgeschichte

 

Eigentlich dürfte es dieses Buch gar nicht geben. Ich leide unter Prokrastination (Aufschieberitis), Sozialphobie, leichten bis mittelschweren Depressionen und einem ausgeprägten Impostor- oder auch Hochstapler-Syndrom. Dass ich darunter leide, stimmt allerdings nur bedingt. Ich nehme es manchmal auch einfach nur hin und rede mir dann ein, dass es eben so ist und ich halt so bin. 

Die Aufschieberitis hat dazu geführt, dass diese Zeilen erst Anfang Mai 2021 geschrieben wurden. Die Idee zu dem Buch hatte ich im September 2019. Ich hatte mir auch schon ausgemalt, wie es dann im Laden steht. Ich war überzeugt davon, dass es ein Renner wird. Ein bekannter Sachbuchautor und Coach hatte mir bereits bestätigt, dass ich einen erfrischenden Schreibstil habe und dass die Verlagswelt da draußen quasi nur auf solche Texte warte. Ich war euphorisiert und habe überall verbreitet, dass ich nun ein Buch schreiben würde und dass es nächstes Jahr bereits herauskommen würde. Soweit der Plan. Erste Sätze waren schnell geschrieben. Dabei blieb es dann erstmal. 

Ich malte mir aus, wie es dann später sein würde: Ich würde vielleicht auf Lesereise gehen. Fremde Menschen würden dann meine Zeilen zu hören bekommen. Von mir vorgelesen. Ich konnte noch nie gut vorlesen. Ich würde bestimmt beim Lesen kaum Luft bekommen, ich würde rot werden, ich würde mich ständig verlesen. Die Menschen würden das (MICH!) Komisch finden. Erste Teilnehmer würden den Saal verlassen, andere würde anfangen zu grinsen oder sich fremdzuschämen. 

Andererseits würde ich es total genießen, wenn die Menschen mein Buch gut finden würden, wenn sie sich darin wieder erkennen würden und aufgrund dessen ein neues Leben beginnen würden. Sie würden mir applaudieren und Autogramme haben wollen. Ich würde mich auf der Bühne verneigen und ich würde mich großartig fühlen. Besser als jeder Orgasmus! Aber wenn es nur einem Menschen nicht gefällt oder noch schlimmer: Wenn das Buch in der Presse verrissen wird. Dann würde mein schlimmster Albtraum wahr werden. Alle würden mit dem Finger auf mich zeigen und mich auslachen. Ich schreibe sehr „würde-voll“, merke ich gerade. Der Konjunktiv ist mein Freund. Der ist so unverbindlich. Ich mag ihn.

Während ich das schreibe werde ich unsicher, ob es wirklich gut ist das zu schreiben. Warum nicht einfach alles so lassen wie es ist. Ich bin keine öffentliche Person, nur wenige Menschen kennen mich. Wenn ich unbedingt schreiben will, dann doch bitte in ein verschlossenes Tagebuch!

Eigentlich kann ich ja auch gar nicht schreiben. Eigentlich kann ich sowieso nur sehr wenig richtig gut. Ich kann mir zum Beispiel richtig gut einreden, dass ich nur wenig kann. Irgendwann kommt das auch raus. Das kennt man ja: Man (wer ist eigentlich dieser Man?) wird entlarvt von einer unbeteiligten Person die sofort erkennt, dass man nichts kann. Ja — ich fühle mich wie ein Hochstapler. Jemand der vorgibt Dinge zu können die er gar nicht richtig kann. Aber ich habe doch Erfolge nachzuweisen: Abitur mit 1,9 mit sehr gut benotete Semesterarbeiten an der Uni, eine funktionierende Ehe, eine selbstständige Tochter, ein Hund der hin und wieder auf mich hört, Zertifikate als Coach und Therapeut, dankbare Klienten und klatschende Seminarteilnehmer. Ja — aber: Das war alles entweder Glück, Zufall, eine Verwechslung, viel zu einfach (Abitur am Abendgymnasium ist ja ein geschenktes Abitur!) oder ich habe einfach gut getäuscht. Das kann ich wirklich sehr gut! Davon bin ich überzeugt! Meine Abschlussarbeit als Systemischer Therapeut trug nicht umsonst den Titel: „Der eingebildete Therapeut“. Von Abschlussarbeit zu reden ist eigentlich auch nicht richtig. Es handelt sich um eine nicht wissenschaftliche Arbeit. Sie ist sehr kurz und so gestaltet, dass es viele Bilder gibt und nur sehr wenig Text. Eine echte Mogelpackung eben. Die Leitung des Instituts hat die Arbeit nur akzeptiert, weil sie mich mich mochten und sowieso noch nie jemand durchgefallen war. Das glaube ich jedenfalls. Zum Beweis habe ich diese Arbeit als Zugabe hinter den Text gestellt. Spätestens dann wird der Betrug auffallen.

Fortsetzung folgt...

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