Facharbeit 2008 (Bilder gibt's extra)

 

 

 

„So und nicht anders!“

oder

Der eingebildete Therapeut

(Ein Arbeitstitel)

 

„Die einzige Entschuldigung dafür,

daß jemand etwas Zweckloses schafft,

ist, daß er es unendlich bewundert.“

(Oscar Wilde)

 

 

 

 

 

Eine (Möglichkeit für eine) systemische Facharbeit

von

Claus Brune

 

 

 

im Rahmen des Vollzeitlehrganges

Systemische-Familien-Sozial Therapie,

Essen, 05.Mai – 04. November 2008

 

Was ein Leser vorfinden könnte, wenn er es ähnlich sähe wie der Autor:

 

 

  1. Vorwort Seite 2
  2. Vorbemerkungen des (scheinbaren) Autors Seite 3
  3. Eine so und nicht anders wahrgenommene Geschichte Seite 7

Konstruktionen Seite 7

oder: Träume sind nicht unbedingt Schäume 

Wirklichkeiten Seite 10

oder: Rezept für einen guten Therapeuten

Beobachtungen Seite 14

oder: Was soll das alles hier eigentlich

 

  1. Abschlussbetrachtungen und Eigenständigkeitserklärung Seite 15

 

Literaturnachweis Seite 16

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

I. Vorwort

 

 

Das Vorwort eines Textes ist immer der Teil, der am seltensten gelesen wird. Diese Meinung beruht auf einer subjektiven Wahrheit.

In der vorliegenden Arbeit soll es um Geschichten und deren Wahrnehmung gehen. Es soll aber auch darum gehen, was einen (guten) Therapeuten unter anderem ausmacht. „Unter anderem“ deswegen, da ich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebe.

Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage nach einem guten Therapeuten habe ich gelernt, dass es manchmal einfach der Zufall ist, der eine Person zu einer guten Intervention veranlasst. Dabei muss diese Person noch nicht einmal Therapeut sein. Manchmal bekommt die Person ihre Interventionen noch nicht einmal mit!

 

 

BILD NR. 1

 

 

Es ist möglich, dass diese Arbeit mit dem Leser/der Leserin das macht, was ein Therapeut von Zeit zu Zeit gerne mit einem System tut: verstören!

Es könnte auch sein, dass die ein oder andere Sichtweise verändert wird. In diesem Fall rate ich dazu, den Standpunkt zu wechseln, dann könnte es sich wieder einrenken.

Was schön wäre, wenn es passieren würde: Dass das Lesen dieser paar Seiten zum Nachdenken anregt, dass es zum Nachahmen (für eine der folgenden Facharbeiten) verführt und im besten Fall einfach nur Spaß macht!

 

II. Vorbemerkungen des (scheinbaren) Autors

„Ich mach' mir die Welt

Widdewidde wie sie mir gefällt“

Textzeile aus „Pippi Langstrumpf“, Konrad Elfers

 

 

Das Leben eines Menschen setzt sich aus vielen kleinen und großen Geschichten zusammen. Mit einer oder mehreren dieser Geschichten kommt dann vielleicht irgendwann ein Mensch zu einem Therapeuten. Ob es sich bei diesen Geschichten um Dichtung oder Wahrheit handelt, hängt immer von der jeweiligen Perspektive ab. Die Geschichte an sich steht zunächst einmal völlig wertfrei und losgelöst vom Erzähler im Raum.

Was macht eine Geschichte zu einer wahren Geschichte? Wenn sie, zumindest theoretisch, überprüfbar ist? War wirklich ein Mensch auf dem Mond? Praktisch kann ich es nachprüfen, indem ich selber hinfliege und nach Spuren suche. Aber wie kann ich sicher sein, dass die Spuren, die ich dann vielleicht finde, wirklich von Armstrong sind? Ich kann nicht sicher sein aber ich glaube daran und habe für mich beschlossen, dass diese Geschichte wahr ist. Als Kind hatte ich auch für mich beschlossen, dass die Geschichte von Robinson Crusoe wahr ist. Später habe ich dann erfahren, dass ein gewisser Daniel Defoe diese Geschichte geschrieben hat. Der wiederum versichert im Originaltitel, dass alles sich genau so und nicht anders zugetragen hat: „Das Leben und die seltsamen überraschenden Abenteuer des Robinson Crusoe aus York, Seemann: der 28 Jahre allein auf einer unbewohnten Insel an der Küste von Amerika lebte, in der Nähe der Mündung des großen Flusses Oroonoque; Durch einen Schiffbruch an Land gespült, bei dem alle außer ihm ums Leben kamen. Mit einer Aufzeichnung, wie er endlich seltsam aus den Händen von Piraten befreit wurde. Geschrieben von ihm selbst.“

Geschrieben von ihm selbst! Und Defoe hatte angeblich lediglich diese Aufzeichnungen veröffentlicht. Diese Art der Realitätsvermittlung von Geschichtenerzählern bzw. Autoren war in der Romanliteratur des 18. Jahrhunderts durchaus üblich. Gerade die sogenannten Robinsonaden begannen meist mit einer Wahrheitserklärung und suggerierten, dass der vorliegende Text gefunden wurde und quasi nur herausgegeben wird. Es fand auf diese Weise eine vom Autor gelenkte Wahrheits-Wahrnehmung beim Leser statt. Gewissermaßen bildeten sich manche Autoren ein, sie würden in ihren Geschichten Einfluss auf die Wahrnehmung des Lesers nehmen können. Eine Theorie besagt, dass der Autor (der Sender) sich beim Schreiben ein klares Bild von seinem Leser (dem Empfänger) macht. Das wiederum hat Einfluss auf das Erzählte.

Umberto Eco hat dazu beispielsweise einen Modell-Leser und einen Modell-Autor entwickelt. Der Modell-Leser ist der Leser oder Zuhörer, wie ihn sich der reale Autor oder Erzähler einer Geschichte beim Schreiben oder Erzählen vorstellt, der idealer Weise genau so liest oder zuhört, wie es sich der Autor gewünscht hat.

Der Modell-Autor dagegen ist der Autor oder Erzähler, wie ihn sich der Leser oder Zuhörer vorstellt. Beim Lesen oder Zuhören entsteht ein Bild vom Autor wie er optimaler Weise sein müsste, damit er zum Gelesenen passt. 

Beides kann immer nur eine Idee von der Realität sein. Weder der Leser noch der Autor wird je die Wahrheit des Anderen kennen. Beide können sich nur annähern. Genauso kann sich ein Therapeut nur der Wirklichkeit des Klienten annähern. Er, der Therapeut, kann auch davon ausgehen, dass die Geschichte je nach Empfänger und Kontext etwas anders erzählt werden wird. 

Ein kleines Beispiel: 

 

 

BILD NR. 2

 

 

Würde Calvin uns diese kleine Geschichte später (etwa in einer schulischen Beratungssituation, wo es um seine Aufmerksamkeitsdefizite geht) erzählen, so wäre er sicherlich vollkommen davon überzeugt, dass er in jener Situation ein afrikanischer Elefant war. Und damit hätte er auch recht. In seiner Wahrnehmung hält er sich nicht nur für einen Elefanten – er ist ein Elefant. Und das mit allen Konsequenzen, die dazu gehören.

Würden wir den Vater fragen, wie er diese morgendliche Episode im Moment des Geschehens empfunden hat, so würde er vielleicht sogar davon berichten, dass, noch im Schlaf, etwas Tonnenschweres auf ihm herumgetrampelt sei und er dann schließlich von einem Geräusch, ähnlich dem eines Elefanten, aufgeweckt worden wäre. In diesem Fall wäre der Elefant auch für ihn erlebte Realität. Allerdings nur so lange, bis er wieder richtig wach wäre (was in dieser Situation recht schnell gehen dürfte). Jetzt würde der Vater lediglich einen kleinen Jungen mit einer Trompete in der Hand wahrnehmen, von dem er sich fragen könnte, ob es wirklich sein eigener Sohn wäre. Würde sich der Vater in einem anderen Kontext daran erinnern, würde die Geschichte vielleicht schon wieder ganz anders erzählt werden. Nehmen wir den oben angeführten Schulberatungskontext – hier würde die kleine Geschichte wahrscheinlich zur Erklärung der Defizite herangezogen und somit sehr ernst genommen werden.

In einem völlig anderen Kontext und zu einer anderen Zeit wird die Geschichte auch eine ganz andere Bedeutung gewinnen. Nehmen wir an, es sind fünfundzwanzig Jahre vergangen, Calvin ist inzwischen ein bekannter und reicher Schauspieler...

Wie würde sein Vater sich an diese Geschichte erinnern, wenn er bei einer Homestory vom Reporter nach Kindheitsanekdoten seines Sohnes gefragt werden würde? In jedem Fall würde er die gleiche Geschichte völlig anders erzählen.

Aufgabe eines Therapeuten wäre es, die Geschichte, egal wie sie erzählt wird, als Wahrheit des jeweiligen Erzählers in seinem jetzigen Kontext anzusehen. Nehmen wir an, der Vater wäre der Erzähler und er würde es zwei Tage nach seinem Erleben einem Schulpsychologen erzählen. Nehmen wir weiter an, dem Vater wäre von Calvins Lehrer dazu geraten worden und das Thema wäre (aus Sicht des Lehrers) Calvins fehlende Aufmerksamkeit. Wird die Geschichte vom Vater im Nachhinein als problembehaftet erlebt und stellt er unmittelbare Zusammenhänge zu Calvins Aufmerksamkeitsdefiziten her, hätte der Therapeut (hier der Schulpsychologe) die Möglichkeit kleine Unterschiede in der Geschichte herauszuarbeiten. Beispielsweise könnte er fragen, ob sich Calvin öfters in einen Elefanten verwandelt und wenn ja, ob dieser jedes Mal Vertrauen zum Vater hat, nicht mit schlimmsten Sanktionen belegt zu werden. (Wobei es diese Sanktionen durchaus geben könnte, der Therapeut aber noch nichts davon wüsste.)

 

Des weiteren kann er bislang ausgelassene Erzählungen einführen bzw. das, was nicht ausgesprochen wurde aber implizit miterzählt wurde, ergänzen. Durch das Lesen oder Hören zwischen den Zeilen kann eine Geschichte eine neue Wendung erfahren. Daraus kann sich eine neue Wahrheit für den Klienten ergeben, mit der er vielleicht besser zurechtkommt. So wäre es möglich, den im Gespräch vielleicht mitschwingenden Stolz auf Calvins Mut anzusprechen und mit in die Erzählung einfließen zu lassen. Die Bedeutung für den Vater wäre sicherlich augenblicklich eine andere.

 

An diesem kleinen Beispiel wollte ich zeigen, wie unterschiedlich eine Geschichte wahrgenommen werden kann, je nachdem wer sie erzählt, wann sie erzählt wird und in welchem Kontext sie erzählt wird. 

In der Literaturwissenschaft wird darüber gestritten, wann eine Geschichte oder eine Erzählung überhaupt wahr ist. Wann hört die Wahrheit auf und wann fängt die Fiktion an? Wie viel (und vor Allem wessen) Wahrheit steckt beispielsweise in einer Biografie? Und hat eine Autobiografie überhaupt einen Anspruch auf Wahrheit? Systemisch betrachtet entspricht jede Geschichte einer Wahrheit von vielen möglichen.

So verhält es sich auch mit der folgenden kleinen Lebensabschnittsgeschichte.

 

 

 

 

 

 

 

 

III. Eine so und nicht anders wahrgenommene Geschichte

 

Konstruktionen

oder: Träume sind nicht unbedingt Schäume

 

Als ich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand ich mich in meinem Bett zu einem ungeheuer guten Therapeuten verwandelt.

Das Atelier war erfüllt vom starken Geruch der Rosen, und wenn der leichte sommerliche Wind durch die Bäume des Gartens rauschte, wehte durch die offene Tür der schwere Duft des Flieders, oder der Hauch des blühenden Rotdorns.

 

Es war zunächst nur ein Gefühl irgendwo in den Tiefen meines Bauches und ich konnte es auch nicht richtig benennen. Ich war irritiert und überlegte kurz, ob der Traum noch anhielt. Nein, es war die Realität – meine Realität! Ich entschloss mich aufzustehen und herauszufinden, was es mit diesem Gefühl auf sich hatte. Schon als ich zum Badezimmer ging, merkte ich, dass mein Gang sich verändert hatte – irgendwie aufrechter. Der Blick in den Spiegel ließ mich kurz erschrecken. Alles in diesem Gesicht schien zu sagen: „Vertrau mir!“, „Ich bin gut!“, „Was kann schon passieren?“ Ein so selbstbewusstes Gesicht hatte ich in meinem Spiegel noch nie gesehen. Was war passiert?

Ich versuchte den letzten Abend zu rekonstruieren. Es wollte mir nicht recht gelingen, zu vielfältig waren meine Erinnerungen. Da war die Szene, wo ich mich mit dem großen Küchenmesser in den Daumen geschnitten hatte. Das Blut lief mir den Arm herunter direkt auf das Schneidbrett, wodurch die Zwiebeln unbrauchbar wurden. Daran wollte ich mich lieber nicht erinnern, sonst würde der Schmerz wieder schlimmer werden. Dann schon lieber an das erste Glas Rotwein beim Kochen. Das löst sofort eine angenehme Stimmung bei mir aus. Aber – war der Genuss des Weines nicht die Ursache dafür, dass ich mich geschnitten hatte? Wenn ich den Wein nicht getrunken hätte, dann wäre mein Finger noch heil! Oder gibt es gar keine lineare Kausalität zwischen den beiden Ereignissen? Und warum stelle ich mir diese Fragen? Gestern Abend war doch alles klar. Ich war etwas beschwipst und darum hatte ich mich geschnitten, basta! 

Was war noch passiert an diesem Abend? Reicht es überhaupt aus den letzten Abend zu analysieren oder muss ich nicht vielmehr noch weiter zurück in die Vergangenheit, um mir meinen jetzigen Zustand erklären zu können? Wie auch immer, ich erinnere mich noch, dass ich in meinem gestrigen Zustand angefangen habe anders zu denken. Nicht dass ich völlig Neues, noch nie Gedachtes gedacht habe – nein, vielmehr habe ich alte Denkweisen von einer neuen Perspektive aus betrachtet. Auslöser war, glaube ich, ein kleiner Comic:

 

 

BILD NR. 3

 

Was will ich damit eigentlich sagen?

Ich merke gerade, dass mich die Gegenwart eingeholt hat. Ich bin und schreibe im Hier und Jetzt. Ist es das, was anders ist? Ich denke nach. Nein – jedenfalls nicht nur. Dieses Gefühl ist immer noch da. Es ist so ein Gefühl, wie wenn man morgens aufsteht und weiß, dass man selber ein verdammt guter Therapeut ist. Ha – das ist es! Das ist die Erklärung! Heute ist der 24. Oktober 2008 und meine Ausbildung zum Therapeuten ist seit gestern beendet. Sechs Monate lang habe ich mir nun eingebildet, ich sei ein guter Therapeut, sechs Monate lang war ich begeistert von der Haltung systemisch denkender Menschen, sechs Monate lang habe ich nicht ein Buch gelesen (jedenfalls nicht richtig). Was ich heute Morgen im Spiegel sah, war das Ergebnis monatelanger Imagination, einer Wahrnehmung von Realität wie ich sie mir gedacht habe. Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, hatte ich gestern Abend folgende Vision:

 

Ich würde bald ins Bett gehen und in einen tiefen Schlaf fallen. Dann käme mitten in der Nacht die gute Fee aus meinen Kindertagen und würde ein bisschen Sternenstaub auf mich fallen lassen. Wenn ich aufwachen würde, hätte meine derzeit größte Sorge kein guter Therapeut zu sein, sich in Nichts aufgelöst.

Das ist das Letzte, woran ich mich erinnern kann. So muss es dann wohl passiert sein.

Was heißt das aber jetzt für mich? Bilde ich mir nur ein, ich sei ein guter Therapeut oder bin ich es wirklich? Und wenn ich es wirklich bin – wird meine Wirklichkeit von allen Menschen wahrgenommen oder nur von denen, deren Wirklichkeit ich mir konstruiert habe? Wenn ich jetzt meine Frau, von deren Wirklichkeit ich überzeugt bin, fragen würde, wie sie mich jetzt gerade wahrnimmt – was würde sie sagen? Wahrscheinlich würde sie sagen, dass meine Wahrnehmung, ein guter Therapeut zu sein, gerade sehr gut zu ihren Zukunftsvisionen passen würde. Woran würde sie überhaupt merken, dass ich mich verändert habe und was würde meine Schwiegermutter dazu sagen? Wenn ich jetzt aber einen Dozenten vom Institut, der vielleicht jetzt in diesem Moment diese Arbeit liest, dasselbe fragen würde – wie würde der wohl antworten? Und wie groß wäre die Schnittmenge unserer Wahrheiten? 

Vielleicht sollte ich erst einmal herausfinden, ob ich Anteile in mir habe, die einen guten Therapeuten ausmachen!?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wirklichkeiten

oder: Rezept für einen guten Therapeuten

 

Um das herauszufinden stelle ich mir vor, was ich bräuchte, wenn ich Koch wäre und meine Spezialität wäre „Guter Therapeut im eigenen Saft“. Welche Zutaten wären unerlässlich, welche würden den besonderen Kick geben, in welchem Mengenverhältnis müssten sie stehen, was müsste zuerst vorbereitet werden, wie lange wäre die Kochzeit, soll er gut durch oder noch medium sein und nicht zuletzt: Welche Kochutensilien bräuchte ich?

Meine Art zu kochen ist es zu improvisieren! Um improvisieren zu können, muss ich allerdings ein paar Grundkenntnisse haben, eine Art Methodenrepertoire. Des weiteren brauche ich die richtige Einstellung zum Kochen. Das Wichtigste ist letztendlich aber ein gutes Handwerkszeug und beste Zutaten. 

 

Die Einstellung

 

Hier zitiere ich auszugsweise ein paar Artikel aus dem Kochgesetzbuch.

Artikel 1: Nehmen Sie die Gesetze nicht zu ernst. Kochen ist einfach und macht Spaß.

 

Artikel 2: Sie müssen kein Experte für Fleisch, Fisch, Vorspeisen oder Desserts sein, um gut kochen zu können.

 

Artikel 4: Benutzen Sie Ihren Kopf beim Kochen, denn dort fängt das Kochen an.

 

Artikel 6: Probieren geht über Studieren: Mengenangaben, Zeiten und Temperaturen sind keine Garantie für das Gelingen, sondern immer nur „in-etwa“-Hinweise.

 

Artikel 8: Kochen braucht Zeit. Gönnen Sie sich diese Zeit alleine oder zusammen mit anderen. 

 

Artikel 9: Keine Angst vor heißen Pfannen und scharfen Messern – sie sind Freund und nicht Feind.

 

Artikel 10: Überschreiten Sie Grenzen und probieren Sie aus! Wenn mal was danebengeht, ist es egal.

Das Handwerkszeug

 

  • Einen geschützten Raum
  • Einen kleinen Tisch und ein paar Stühle
  • Eine kleine Auswahl an Symbolen mit denen ich gut arbeiten kann (Steine, Postkarten, Verkehrsschilder, Spielzeugautos, etc.)
  • Ein paar kurze und lange Seile
  • Ein solides Brett

 

 

Die Zutaten (für 1 Person)

 

  • Ein großes Stück gut ausgereifte Persönlichkeit
  • Eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein
  • Zwei standfeste Füße
  • Ein gutes Stück Erde
  • Ein Stück gut abgerundetes Hirn (damit die Gedanken kreisen können)
  • Ein schwarzes Loch
  • Eine große Leere
  • Eine große Flasche Verantwortung
  • Zwei Hände voll Kreativität
  • Eine Tüte Querdenkerpulver
  • Eine gute Portion Achtsamkeit
  • Empathie nach eigenem Ermessen
  • Etwas IQ und etwas mehr EQ
  • Zwei Esslöffel Mut
  • Eine kleine Prise Angst
  • Eine Flasche selbstgemachter klarer Menschenverstand

 

 

Die Methode

 

Die Persönlichkeit wird in eine große Schüssel gefüllt und mit der Verantwortung aufgegossen. Langsam gießen, es darf kein Druck entstehen. Dann die Persönlichkeit mit dem Selbstbewusstsein gut abdecken und für mehrere Stunden ruhen lassen.

In der Zwischenzeit wird das Stück Hirn ordentlich aber sanft durchgeknetet. Schließlich wird in der Mitte eine kleine Einbuchtung geformt. Da hinein kommt die Kreativität, das Querdenkpulver, die Achtsamkeit, die Empathie, der IQ und der EQ. Dann wird wieder alles vorsichtig durchgeknetet. 

Zwischendurch immer wieder nach der Persönlichkeit schauen. Wenn sie über den Rand der Schüssel gewachsen ist, kann sie weiter verarbeitet werden. 

Bevor das Hirn und die Persönlichkeit zusammen in einen großen Bräter gegeben werden, wird dem Hirn noch das schwarze Loch und die große Leere zugefügt. Das schwarze Loch soll später ausreichend Platz für immer wieder beim Reifungsprozess auftretende Vorurteile bieten. Diese werden dann neutralisiert. Die große Leere sollte ebenfalls viel Platz haben. In ihr können sich später sogenannte Hypothesen bilden. Bei Fehlbildungen werden diese dann direkt in das schwarze Loch abgeführt. 

Hierzu sollte das Hirn zunächst großflächig entfaltet werden. Dann werden schwarzes Loch und große Leere vorsichtig damit ummantelt.

Beides, Hirn und Persönlichkeit, in einen großen Bräter geben und viele Stunden bei leichter Hitze schmoren lassen.

Am Ende der Garzeit werden Persönlichkeit und Hirn sich miteinander verbunden haben. Schließlich werden in noch heißem Zustand die Füße zugegeben. Auch sie werden sich sofort mit der Masse verbinden. Bevor alles auf guter fester Erde angerichtet wird, sollte der Therapeut unbedingt mit dem Mut und ein wenig Angst abgeschmeckt werden.

 Dazu empfehle ich dringend die Flasche klaren Menschenverstand, es rundet den Geschmack einfach perfekt ab und sollte der Therapeut nicht so gelungen sein, wie erhofft, kann man sie auch einfach so genießen.

 

BILD NR. 4

 

 

Das Rezept kann und sollte in jedem Fall individuell verändert werden. Ganz egal wer es kocht oder auch wie oft es vom gleichen Koch zubereitet wird – es wird immer etwas anderes dabei herauskommen.

Soweit die Theorie. Aber was ist jetzt konkret mit mir? Erfülle ich die Voraussetzungen, damit der Braten eine runde Sache wird?

Rückblickend kann ich mit einer gesunden Selbsteinschätzung sagen, dass ich sowohl Anteile eines Therapeuten in mir habe wie auch die eines Kochs. Im Moment darf ich mich weder Koch nennen noch Therapeut. Bin ich es deswegen auch nicht?

Allein die Beantwortung dieser Frage wäre ein gutes Thema für eine Facharbeit im Rahmen einer therapeutischen Ausbildung.

Langsam fange ich an mich zu verzetteln. Oder einfacher gesagt: „Ich weiß nicht mehr weiter!“

Wenn mir jetzt mein ehemaliger Dozent für literaturwissenschaftliche Arbeitstechniken über die Schulter schauen würde und ich ihn fragen könnte – was könnte der mir wohl raten?

 

 

 

Beobachtungen

oder: Was soll das alles hier eigentlich?

 

Ich lehne mich zurück und schaue mir die Geschichte, die ich hier gerade schreibe, mit etwas Abstand an. Einer meiner besten Dozenten an der Uni, Benedikt Jessing, schaut mich an und schüttelt den Kopf: „Habe ich Dir das beigebracht?“

Ich schlucke. Was tue ich, beziehungsweise der Teil von mir, der hier sitzt, eigentlich und vor allem: Was schreibe ich da für verrücktes Zeug und noch wichtiger – für wen? Bin ich verrückt? Offensichtlich! Da ist in der Tat eine etwas ver-rückte Sichtweise auf das, was eine Facharbeit werden sollte. Da wird gerade eine eigene Wahrheit vom Begriff ‚Facharbeit‘ konstruiert in der Hoffnung, dass es irgendwo in der Wahrnehmung der Institutsleitung eine Überschneidung gibt.

„Genau!“, höre ich Benedikt von der Seite, „So sehe ich das auch. Dumm ist nur, dass Du immer so gearbeitet hast und auch immer gut damit warst! Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich Dir das beigebracht. Das Wichtigste, was ich meinen Studenten mit auf den Weg zu einer schriftlichen Arbeit gebe, ist, dass sie besoffen schreiben sollen und nüchtern korrigieren! Das nimmt die Hemmungen kreativ und gut sein zu können.“

Ich gehe gerade in mich. Ich merke, dass auf der Meta-Ebene auch Anteile von mir wach werden, die mich zur Vernunft ermahnen. „Das kannst du doch nicht abgeben“, ruft es da ganz laut in mir. „Warum nicht“, fragt eine etwas kindlich unvoreingenommene Stimme aus dem Hintergrund. Ich bemerke starke hysterische Anteile, wenn ich sehe, wie hier eine eigene Realität erschaffen wird. Aber auch schizoide Anteile gibt es mehr als genug: Wie oft frage ich mich eigentlich, ob ich mir das alles nur einbilde? Wenn ich dann auch noch anfange mich in andere, sprich in einen Koch, zu versetzen und mich selbst gar nicht mehr wahrnehme, dann springen mich die depressiven Anteile geradezu an. Letztlich scheine ich den Drang zu haben, mir Menschen, in diesem Fall Therapeuten, so zu formen, bzw. zu kochen, dass es in meine Realität passt. Wenn das nicht hochgradig zwanghaft ist! 

Was auch immer hier gerade geschieht, ich lasse es jetzt einfach zu. Schließlich mache ich mir selbst beim Erzählen dieser Geschichte nur Angebote, wie es weiter gehen könnte. Und ich weiß: Sie wird Folgen haben – so oder so!

IV Abschlussbetrachtungen und Eigenständigkeitserklärung

 

Was könnte der Autor dieser Arbeit mit ihr bewirken wollen? Wie hat er es geschafft, so wenig Inhalt so geschickt zu verpacken? Wenn jemand, der von systemischer Theorie noch nie etwas gehört hat, diesen Text ließt – würde er Zusammenhänge sehen? Spiegelt diese Arbeit in irgendeiner Art und Weise das Innenleben des Autors wider? Und wenn ja, wie konnte es so weit kommen? Wie könnte die Erkenntnis am Ende dieser Zeilen lauten? Wenn ich mir vorstelle, dass diese Arbeit von einem der folgenden Teilnehmer gelesen wird – was würde er oder sie daraus ziehen können? 

Sie als Leserin oder Leser dieser Zeilen – was glauben Sie, was der Autor jetzt in diesem Moment denken würde, wenn er Ihr verblüfftes Gesicht sehen würde, das Sie gerade machen, weil er Sie direkt anspricht? Glauben Sie, dass der Autor ein guter Therapeut werden kann und wenn ja – woran würden Sie es zuerst bemerken? Stellen Sie sich vor es sind ungefähr fünf Jahre vergangen – auf einer Skala von 1-10, wo würde der Autor wohl stehen, wenn 1 = „völlig untauglich als Therapeut“ und 10 = „den sollte man ruhigen Gewissens auf die Menschheit loslassen“ bedeuten würde? Wie wäre es wohl, wenn der Autor sich nicht nur auf therapeutische, bzw. beraterische Tätigkeiten beschränken würde? Wenn er anfangen würde Geschichten zu schreiben – wer würde es zuerst bemerken?

Stell Dir vor, Monika oder Jürgen, ein Teilnehmer würde so eine Arbeit abgeben, wie Du sie hier gerade liest – welche Ressourcen müsstest Du zuerst aktivieren, damit Du sie akzeptieren kannst?

Was glaubst Du, Leserin oder Leser, was ich, der Autor, mir im Moment des Schreibens eingebildet habe? Die Antwort liegt bei Dir, ich kann Dir nur Angebote machen.

Ich lade Dich ein – zum Nachlesen und zum Nachdenken der Arbeit.

Die Bedeutung einer Nachricht bestimmt der Empfänger und nicht der Absender!

Zu guter Letzt erkläre ich mich sowohl damit einverstanden, dass diese Arbeit weitergereicht wird, als auch damit, dass ich es war, auf dessen Mist das alles hier gewachsen ist. 

 

Essen, 24. Oktober 2008

Literaturnachweis

 

  • Eco, Umberto: Im Wald der Fiktionen. Sechs Streifzüge durch die Literatur, München 1996.
  • Grossmann, Konrad Peter: Der Fluss des Erzählens. Narrative Formen der Therapie, 2. Aufl. Heidelberg 2003.
  • Iser, Wolfgang: Der implizite Leser. Kommunikationsformen des Romans, München 1972.
  • Rach, Christian: Das Kochgesetzbuch. Die Grundregeln erfolgreichen Kochens, Hamburg 2008.
  • Riemann, Fritz: Grundformen der Angst. 36. Aufl., München 2003.
  • Schlippe, Arist von/Schweizer, Jochen: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. 10. Aufl. Göttingen 2007.
  • Wilde, Oscar: Das Bildnis des Dorian Gray. Dt. Ausgabe, übersetzt von Ernst Sander, Berlin 1924.

 

 

Internet:

 

  • http://de.wikipedia.org/wiki/Robinson_Crusoe

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